Kein Zweifel: Eine Karnevals-Hochburg wie Köln und Bonn,
Mainz und Düsseldorf wird Berlin niemals sein, nicht einmal an andere Fastnachts- und Faschings-Zentralen
wie Cottbus, Basel, Frankfurt am Main, Braunschweig oder Wasungen wird Berlin heranreichen. Aber es gibt
im Großraum Berlin mehr und längere karnevalistische Traditionen als allgemein bekannt ist.
Seit 1430 wurden nachweislich Fastelawende im Kreis der Großfamilien
und auch von Ratsherren gefeiert. Seit dem 15. Jahrhundert ist das von Lausitzer Zuwanderern mitgebrachte Zampern
(Umzüge und Tanzveranstaltungen) auch in Berlin bekannt. Preußische Könige führten an ihren Höfen Masken-Redouten ein,
manchmal mit Umzügen. Der Alte Fritz zog regelmäßig zu Beginn des neuen Jahres nach Berlin, um den herkömmlichen Karneval mitzufeiern.
1850 war das Rheinland preußisch geworden. Auch von dort kamen Zuwanderer nach Berlin,
die ihre Karnevalsbräuche mitbrachten. So gründeten sich seit 1870 Karnevalsvereine der Rheinländer. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg
hatten sie großen Zulauf. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der folgenden Teilung der Stadt entstanden nach und nach in den Stadtbezirken
im Westen und im Osten Karnevalsgesellschaften.
Mit der Maueröffnung am 9. November 1989 wurde der Weg frei für gemeinsame Aktivitäten
der Karnevalsklubs und -vereine in der Stadt und im Umland. Sie verbrüderten sich um den 11.11.1989. Die in den beiden Stadthälften
entstandenen Karnevalsrufe wurden vereint: "Berlin - Hei Jo" (Heiterkeit und Jokus, West) und "Karneval an der Spree
- Ole Ole Ole“ (Ost).
Und es gab erste Bemühungen, wieder einen großen Umzug zu den tollen Tagen auf die Beine
zu stellen. Bis dahin hatte es nur von 1952 bis 1959 Karnevalszüge gegeben, die vom Funkturm nach Neukölln führten. Mangelnde
Unterstützung durch Behörden, Missachtung durch die Medien und fehlende Finanzierung durch Unternehmen zwangen die Organisatoren
zur Aufgabe. In der Hochstimmung der Wiedervereinigung gelang eine kurze Wiederbelebung: am 11.11.1990 zogen Karnevalisten vom
Brandenburger Tor zum Sturm auf das Rote Rathaus. 1992 gab es einen Auto-Korso. Für den 26.2.1995 wurde ein großer Rosenmontagsumzug
geplant - er musste aber wegen mangelnder Unterstützung durch das Land oder durch Sponsoren abgesagt werden.
Die verbreitete Meinung, öffentliche Aufzüge wie im Rheinland würden an der Mentalität
der Berliner scheitern, hat sich aber nicht bewahrheitet. Im Frühjahr 2000 gründeten zehn Idealisten den Karnevals-Zug Berlin e.V. mit
dem Ziel, die Tradition des öffentlichen Karnevals wiederzubeleben. Sie planten einen großen Umzug durch die Mitte Berlins mit allen
Vereinen aus Ost und West.
Nach vielen organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Klärungen gab der Erfolg
ihnen Recht: 250 000 Schaulustige säumten am Sonntag, dem 12. Februar 2001, den Weg des ersten großen Karnevalszugs durch die Mitte
Berlins. Den Skeptikern zum Trotz erlebten alle Beteiligten große Zustimmung der Öffentlichkeit. Berliner und Zugereiste, Ost- und
West-Bevölkerung hatten beim fröhlichen Feiern des Berliner Straßenkarnevals gemeinsam einen neuen Grundstein für die nächsten Jahre
gelegt. Seitdem wird die karnevalistische Session auch alljährlich am 11.11. um 11.11 Uhr mit einem „Sturm auf das Rote Rathaus“
eingeläutet, bei dem ein Senatsmitglied den Rathausschlüssel an das Prinzenpaar herausrücken muss.
In den folgenden Jahren stiegen die Zahlen der beteiligten Gruppen und der Zuschauer
rapide an. Jeweils rund eine Million Menschen – mit Ausnahme von 2009 wegen schlechten Wetters – verfolgten das bunte Treiben
am Straßenrand. Mittlerweile ist der Berliner Karnevalszug neben dem Karneval der Kulturen, dem Christophers Street Day, dem
Berlin-Marathon, der Love Parade und der Silvesterfete das sechste öffentliche Großspektakel, das sich im Jahreskalender
der Stadt fest verankert hat. Das Ereignis wird seit Jahren vom Regionalfernsehen rbb übertragen und schaffte es schon bis in
die Tagesschau. Als Wirtschaftsfaktor wird der Karnevalszug zunehmend erkannt. Die elfte Auflage seit der Wiederbelebung wird am
27. Februar 2011 stattfinden.
Zusammenstellung: Marlene Chrischilles
Quelle: Text von Dr. Hans Schubert
Überarbeitung und Aktualisierung: Helmut Lölhöffel